Ist ja alles gar nicht wahr …

Weil es mir gerade wieder in einem Forum begegnet ist: Geschichten müssen glaubwürdig sein, sonst fühlen sich die Leser veräppelt. „Egal, ist ja eh ausgedacht“, funktioniert nicht und ist der denkbar schlechteste Glaubenssatz beim Schreiben.

Das heißt nicht, dass Autorinnen sich überhaupt nichts ausdenken dürfen. Im Gegenteil, dafür sind fiktive Geschichten ja da – oft sind sie eine Reise in unbekanntes Gebiet. Aber. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen.

Das bedeutet zunächst, dass die Charaktere schlüssig handeln. Eine prüde Frau wird nicht übergangslos zum Pornostar; ein egoistischer Mann wird nicht von jetzt auf gleich zum selbstlosen Philanthropen (außer vielleicht in religiösen Schriften). Beide Veränderungen können natürlich stattfinden, aber sie brauchen Gründe, Entwicklung, Motivation und oft Zeit – und der Leser möchte alles dies nachvollziehen können.

Bild: Comfreak, Pixabay

Ebenso wichtig ist das Drumherum. Im April kann man keine Kirschen pflücken, ein Auto kann nicht über einen seit erst zwei Tagen zugefrorenen See fahren, ohne einzubrechen (jedenfalls nicht in unseren Breitengraden), ein Mensch kann nicht in drei Tagen 25 Kilo abnehmen. Auch nicht, wenn die Autorin es ganz dringend braucht, um den Helden aus einer misslichen Situation zu befreien.

Spielt sich das Geschehen innerhalb der historischen Überlieferung ab, ist noch größere Sorgfalt gefragt. Das Zauberwort heißt Recherche. Die schriftstellerische Freiheit gilt natürlich auch hier. Autorinnen, die sich die überlieferte Geschichte zurechtbiegen, damit sie besser in die Handlung ausgedachter Personen passt, weisen meist am Ende darauf hin. Beispielsweise wird eine historische Begebenheit um einige Monate verschoben, damit der Held alt genug ist, um sie mitzuerleben. Dann muss diese historische Begebenheit für die ganze Dauer der Geschichte an dem neuen Datum bleiben. Zu oft sollte der Autor diesen Kunstgriff nicht anwenden, denn sonst ergibt die Einbettung in historische Tatsachen keinen Sinn mehr.

Besonders gilt dies für Fantasy. Möglicherweise gibt es Welten, in denen ein Mensch (oder ein anderes Wesen) seinen Körper in Stunden oder gar Minuten um 25 Kilogramm reduzieren kann. Dafür braucht es allerdings festgelegte Regeln; es passiert nicht, weil der Autor seine Heldin anders nicht aus der Bredouille befreien kann, in die er sie mit Schmackes hineingeritten hat. Gerade weil in der Fantasy mehr oder weniger alles möglich ist, muss das Gerüst bis ins Detail geplant und dann konsequent angewendet werden.

Und wie immer gibt es natürlich die Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Ja, es ist alles nur ausgedacht und gar nicht wahr. Aber wer die Leser mitnehmen möchte auf die Reise, der muss sich seine Glaubwürdigkeit ganz real erarbeiten.

Bild: Mysticartdesign, Pixabay

 

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